Bei den Nationalratswahlen 2023 im Kanton Appenzell Ausserrhoden beabsichtigte David Zuberbühler (SVP), den einzigen Nationalratssitz des Ostschweizer Kantons ein zweites Mal zu verteidigen. Herausgefordert wurde er von Kantonsrat Matthias Tischhauser (FDP) und von der Ausserrhoder Mitte-Parteipräsidentin Claudia Frischknecht.

Einen «totalen Machtanspruch» nannte die Ausserrhoder SVP Tischhauers Kandidatur für den Nationalrat in einer Medienmitteilung, da die FDP mit Andrea Caroni (fdp, AR) bereits den einzigen Ständerat des Kantons stelle und aufgrund dessen unangefochtener Kandidatur in Zukunft auch stellen werde. Obschon seitens Parteileitung eine Kandidatur bereits seit Anfang 2023 diskutiert worden war, sah die FDP davon ab, den 2015 verlorenen Nationalratssitz unter allen Umständen zurückzuerobern. Vize-Präsident der Ausserrhoder FDP, Patrick Fessler, betonte jedoch gegenüber der Appenzeller Zeitung, dass es «gar keine Option sei», nicht zu den eidgenössischen Wahlen anzutreten, wenn man über einen Kandidaten wie Matthias Tischhauser verfüge. Der Kantonsrat könne laut Fessler durch seine Detailorientiertheit vor allem bei der Behandlung sachpolitischer Inhalte überzeugen und wolle die Werte und Interessen der Mehrheit der Ausserrhoder Bevölkerung in Bundesbern vertreten.

Nicht nur auf die Nationalratskandidatur beschränken wollte sich die ehemalige Kantonsratspräsidentin Claudia Frischknecht: gleichzeitig kandidierte sie nämlich wiederum für das Ausserrhoder Kantonalparlament und neu auch für den Einwohnerrat ihrer Wohngemeinde Herisau. Ob die Herisauerin den Anforderungen als Nationalrätin gerecht werden würde, wagte Anick Vogler – Präsident der Ausserrhoder SVP – zu bezweifeln. «Wir können dem Modell Berufspolitiker nichts abgewinnen» liess er gegenüber der Appenzeller Zeitung verlauten. Insbesondere die regelmässige Anwesenheit Frischknechts bei den Abstimmungen in Bundesbern aufgrund dieses potenziellen Dreifachmandats stellte er in Frage. Frischknecht selbst schätzte ihre Chancen auf eine Wahl in den Einwohnerrat Herisaus als gering ein: da sie nur einmal auf der Wahlliste aufgeführt sei, liege die Wahrscheinlichkeit um einiges höher, dass ihre doppelt vertretenen Parteikolleginnen und -kollegen gewählt werden würden. Ein Doppelmandat sei ihrer Meinung nach dagegen gut zu stemmen, wie das auch bereits der amtierende Nationalrat David Zuberbühler gezeigt habe, welcher ebenfalls im Vorfeld seiner Wahl in den Nationalrat simultan für den Kantonsrat kandidiert hatte und bis in den Mai 2016 sein Doppelmandat besetzte.

Im Wahlkampf setzte der amtierende Nationalrat David Zuberbühler unter anderem auf Inserate und baute seinen Auftritt in den sozialen Medien aus, während sein Gegenkandidat aus der FDP vor allem an Podiumsdiskussionen anzutreffen war und durch die Ausserrhoder Gemeinden wanderte. Auch Claudia Frischknecht war in jeder Ausserrhoder Gemeinde persönlich anzutreffen. Die Ausserrhoder SP – die keine Kandidierenden ins Rennen geschickt hatte – empfahl Matthias Tischhauser zur Wahl, da es für die Sozialdemokraten vor allem die Wiederwahl des SVP-Kandidaten Zuberbühler zu verhindern galt. Die SP zog den FDP-Kandidaten der Mitte-Kandidatin vor, da sie Tischhauser zum einen höhere Wahlchancen zuschrieb und zum anderen dessen Ansichten bei ökologischen und gesellschaftlichen Themen mehr mit der Meinung der SP übereinstimmen würden als diejenigen der Mitte-Kandidatin Frischknecht. Auch eine «Jugend-Koalition», bestehend aus den Jungfreisinnigen, GLP, SP, Junge Grüne, Klimagruppe AR, gab mittels einer Social-Media-Kampagne eine Wahlempfehlung für den FDP-Kandidaten ab. Obschon Claudia Frischknecht auf keine Unterstützung seitens des links-grünen Spektrums zählen konnte, erhielt sie eine Wahlempfehlung von der Ausserrhoder EVP und wurde von der Frauenzentrale unterstützt. Der Herisauer Unternehmer Zuberbühler erhielt lediglich vom Bauernverband eine Wahlempfehlung.

Unter den Kandidierenden wurde im Wahlkampf ein harter Ton angeschlagen. So wurde der Amtsinhaber David Zuberbühler laut der Appenzeller Zeitung stark von seinen Mitkandidierenden kritisiert. Einerseits wurde ihm vorgeworfen, mit Absicht den Ausserrhoder Wahlpodien fernzubleiben, andererseits kritisierte unter anderem Matthias Tischhauser David Zuberbühlers Abwesenheit bei einer Rede des ukrainischen Präsident Wolodomir Selenski vor der Bundesversammlung. David Zuberbühler wehrte sich gegen diese Anschuldigungen: sowohl bei den Podien als auch beim Besuch Selenskis habe er anderweitige Verpflichtungen wahrnehmen müssen. Dass David Zuberbühlers Verpflichtung, welche die Teilnahme an Selenskis Rede verunmöglichte, ein Mittagessen mit seinem Sohn darstellte, wurde von Matthias Tischhauser laut der Appenzeller Zeitung als «fragwürdig» eingestuft. Auch David Zuberbühlers Leistungsnachweis in der Volkskammer wurde von Matthias Tischhauser in Frage gestellt, gegenüber der Appenzeller schätzte er diesen als «erschreckend mager» ein. So könne sein Mitstreiter auf lediglich eine erfolgreiche Motion über zwei Legislaturperioden zurückblicken und vernachlässige die Kommissionsarbeit. David Zuberbühler erwiderte, dass er als einziges Parlamentsmitglied in der vergangenen Legislaturperiode keine einzige Abstimmung verpasst habe und insbesondere durch ebendiese regelmässige Abstimmungsteilnahme die Interessen der Ausserrhoder Bevölkerung vertrete. Doch auch Matthias Tischhauser wurde in der Appenzeller Zeitung für seinen rauen Ton und die direkte Art kritisiert. Seine am SP-Parteitag gemachte Aussage «David Zuberbühler muss weg, um jeden Preis» wurde in Leserbriefen als «respektlos» eingestuft. David Zuberbühler warf Tischhauser eine verunglimpfende Leserbriefkampagne vor; zeitgleich waren drei Leserbriefe in der Appenzeller Zeitung erschienen, welche die Parlamentsarbeit des Herisauers stark kritisierten.

Am 22. Oktober fiel das Wahlergebnis dann doch klarer aus als im Vorfeld erwartet. Umfragen rund zwei Monate vor den Nationalratswahlen zeigten für Matthias Tischhauser rund 37 Prozent der Wählerinnen- und Wählerstimmen, während der amtierende Nationalrat Zuberbühler laut der Appenzeller Zeitung mit 33 Prozent knapp dahinter auf dem zweiten Platz zu verorten war. Am Wahlsonntag allerdings konnte David Zuberbühler (8'502 Stimmen) den Ausserrhoder Nationalratssitz für die SVP doch relativ klar verteidigen. Der FDP-Kandidat Tischhauser (6'373 Stimmen) konnte nicht an die hohen Umfragewerte aus den Vorbefragungen anknüpfen, sammelte aber immerhin mehr als doppelt so viele Stimmen wie die Mitte-Kandidatin Claudia Frischknecht (2'836 Stimmen).
Die Ausserrhoder FDP-Präsidentin Monika Gessler zeigte sich ernüchtert und unzufrieden über das Wahlergebnis. Der Ausserrhoder Mitte-Präsident Glen Aggeler war sich sicher, dass sich die FDP und Mitte gegenseitig Wählendenstimmen abgeluchst hätten, bezweifelte jedoch, dass der Wahlsieg bei nur einer Gegenkandidatur anders ausgefallen wäre. Die Stimmbeteiligung war im Vergleich zu den vorangegangenen Wahlen im Jahr 2019 um rund 5.3 Prozentpunkte auf 46.6 Prozent gestiegen.