Bei den Ständeratswahlen 2023 in Schaffhausen galten Hannes Germann (SVP) und Thomas Minder (parteilos) aufgrund ihres Bisherigenbonus als grosse Favoriten. 2019 waren die beiden im ersten Wahlgang und mit deutlichem Vorsprung auf die Herausforderer der SP und der FDP gewählt worden, doch beide hielten sich im Kalenderjahr 2022 lange Zeit hinsichtlich einer erneuten Kandidatur bedeckt. Erst im Dezember 2022 verkündete Hannes Germann, ein weiteres Mal für den Ständerat zu kandidieren. Als Mitglied der kleinen Kammer seit 2002 war er einer der amtsältesten Ständeräte. Parteiintern war Germann insgesamt unumstritten, wenngleich sein Alter einige Kritiker auf den Plan rief. Er versicherte anlässlich der Nominationsveranstaltung der SVP jedoch, für die volle Legislatur anzutreten und sich nicht vorzeitig zurückzuziehen. Bei einer erfolgreichen Wiederwahl würde es sich aber auch um seine letzte Legislatur in Bern handeln. Deutlich mehr Zeit liess sich der Bisherige Thomas Minder, der erst im April 2023 seine erneute Kandidatur bekräftigte.
Die SP Schaffhausen hingegen plante schon früh eine Kandidatur für den Ständerat und stiess damit parteiintern auf einigen Anklang. Das Feld potenzieller Kandidatinnen und Kandidaten umfasste im Oktober 2022 noch drei Personen, von denen die SP Anfang November 2022 Simon Stocker, den ehemaligen Schaffhauser AL-Stadtrat, portierte. Das SP-Urgestein Urs Tanner, der 2019 auf der Nationalratsliste hinter der gewählten Martina Munz auf Platz zwei gelandet war, hatte dabei das Nachsehen.
Der Kantonalvorstand der FDP Schaffhausen liess sich mit der Wahl seiner Ständeratskandidatin deutlich mehr Zeit als die SP und schlug erst Ende Februar 2023 Nina Schärrer zur Wahl vor. Die junge Politikerin rechnete sich gegen «zwei alte Männer am rechten Flügel, die über 60 Jahre alt sind», gute Chancen aus, zumal sie sich als liberale und weibliche Alternative positionieren wollte. Die FDP attackierte den Sitz des parteilosen Ständerats Thomas Minder, wohl auch um die Listenverbindung mit der SVP im Rahmen der Nationalratswahlen nicht zu gefährden. Für die Jungen Grünen kandidierte Lisa Brühlmann und vervollständigte damit das Kandidierendenfeld.
Der Wahlkampf verlief – anders als noch 2019 mit der Diskussion um das polarisierende Wahlplakat der SVP – ohne grosse Aufreger. Aufmerksamkeit erregte SP-Kandidat Stocker als er gegenüber den Schaffhauser Nachrichten offenlegte, dass er mit einem Wahlkampfbudget von rund CHF 120'000 operiere, um gegen die bisherigen Ständeräte bestehen zu können. Thomas Minder gab bekannt, bis Anfang September 2023 rund CHF 100'000 ausgegeben zu haben. Die anderen Kandidierenden verfügten gemäss eigenen Aussagen über deutlich kleinere Budgets (Germann: CHF 70'000, Schärrer: CHF 40'000, Brühlmann: CHF 3'000).
Am 22. Oktober 2023 kam es zur grossen Überraschung: Hannes Germann schaffte zwar im ersten Wahlgang den Sprung ins Stöckli (15'490 Stimmen), die anderen Kandidaten und Kandidatinnen, darunter auch der Bisherige Thomas Minder, verpassten jedoch das absolute Mehr von 13'939 Stimmen und mussten daher in den zweiten Wahlgang. Am knappsten schrammte Simon Stocker (13'456 Stimmen) am Wahlerfolg vorbei, wobei er über tausend Stimmen vor Thomas Minder (12'045 Stimmen) lag. Ein Blick auf die Statistik zeigte, dass Stocker selbst in eher bürgerlichen Gemeinden beinahe gleich viele Stimmen erzielt hatte wie der parteilose Ständerat und vor allem in der Stadt Schaffhausen einen grossen Vorsprung an Stimmen aufwies. Thomas Minder zeigte sich angesichts des Resultats, nicht jedoch ob der Notwendigkeit eines zweiten Wahlgangs, überrascht. Er führte seinen Rückstand auf die Kandidatur der Jungen Grünen zurück, die ihn die «ökologischen Stimmen» gekostet hätten. Nina Schärrer von der FDP (6'152 Stimmen) gab unmittelbar nach der Wahl bekannt, auch für den zweiten Wahlgang anzutreten, während sich Lisa Brühlmann (5'093 Stimmen) über ihren Achtungserfolg freute, sich aber in Absprache mit der SP zurückzog.
Der Wahlkampf ging somit in die zweite Runde und obwohl die SVP mit Hannes Germann und Thomas Hurter im Nationalrat zwei erfolgreich gewählte Kandidaten vorweisen konnte, machte sie sich angesichts der bedrohten ungeteilten Standesstimme Sorgen. Hannes Germann rief die SVP-Wählerbasis daher auf, sich im zweiten Wahlgang für eine bürgerliche Lösung zu entscheiden und verwies auf sein Engagement mit Thomas Minder für den Kanton Schaffhausen. Dieser zeigte sich in der Öffentlichkeit trotz der verpassten Wahl derweil gelassen und empfahl FDP-Kandidatin Schärrer, sich zu seinen Gunsten zurückzuziehen, da sie ansonsten das bürgerliche Lager spalte. Die FDP wollte nach eigener Aussage einen linken Schaffhauser Ständeratssitz verhindern, schob den Entscheid aber vorerst auf. Nina Schärrer wollte sich zwar nach eigener Aussage noch einmal zur Wahl stellen, auch weil ihr Rückzug unter Umständen eher Simon Stocker begünstigt hätte. Auf Wunsch der Parteileitung zog sie sich aber einige Tage später aus dem Wahlkampf zurück, woraufhin die FDP die Kandidatur von Thomas Minder unterstützte. Schärrer fand jedoch scharfe Worte für Thomas Minder und kritisierte, dass er sich nicht zugunsten der ungeteilten Standesstimme zurückgezogen habe, zumal sie sich ob ihrer weniger radikalen Politik mehr Erfolg bei den linksliberalen Wählenden und somit bessere Wahlchancen ausgerechnet hatte. Dass diese Vermutung nicht unbegründet war, bewies die Reaktion der GLP auf den Rückzug Schärrers. Die Grünliberalen gaben nämlich bekannt, dass Schärrers Kandidatur in der GLP durchaus eine Mehrheit gefunden hätte, und sprachen sich in der Folge, wie auch die EVP, für Simon Stocker aus. Die Mitte gab derweil Stimmfreigabe bekannt. Eine Wahlempfehlung für Minder sprachen nebst der FDP somit nur die SVP und die Junge SVP aus.
Hatten Stocker und Minder am 22. Oktober noch 1'000 Stimmen getrennt, war der Unterschied im zweiten Wahlgang vom 19. November ungleich deutlicher: Simon Stocker (15'769 Stimmen) zog mit grossem Vorsprung vor Thomas Minder (13'504 Stimmen) für Schaffhausen in den Ständerat ein. Stocker sah sich als «richtige Person für den richtigen Moment», um Thomas Minder nach zwölf Jahren im Amt abzulösen. Der Wahlkampfleiter der Schaffhauser SVP erklärter Minders Niederlage damit, dass dieser nach drei Legislaturen als parteiloser Politiker seinen Zenit erreicht habe. Als weiteren Grund für die erfolgreiche Wahl des SP-Vertreters identifizierten die kantonalen Medien auch sein grosses Wahlkampfbudget, welches im Rahmen des zweiten Wahlgangs auf eine Viertelmillion Franken angewachsen war.