Prominente Ein- und Austritte bei der SVP

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Der Direktor der Schweizerischen Gewerbeverbandes (SGV) und ehemalige Zürcher Nationalrat Hans-Ulrich Bigler trat im August 2022 von der FDP zur SVP über. In der Presse wurde der Schritt als wenig überraschend kommentiert. Bigler habe «schon länger näher an der SVP politisiert als am Freisinn», fand etwa die NZZ. Als Beispiele nannte sie Biglers scharfe Kritik an der Covid-19-Politik der Behörden, seinen – auch innerhalb des SGV umstrittenen – Einsatz für die No-Billag-Initiative oder seine Unterstützung für die von der SVP angeführte SRG-Halbierungsinitiative. Auch in der Klimapolitik habe er den SGV auf einen SVP-nahen Kurs geführt. Schliesslich habe sich der SGV unter Bigler auch im Stil der SVP angenähert, mit äusserst hart geführten Abstimmungskämpfen und Kooperationen mit der SVP-nahen Werbeagentur Goal.
Die FDP des Kantons Zürich nehme Biglers Abgang «entspannt» zur Kenntnis, erklärte ihr Präsident der NZZ. Inhaltliche Differenzen habe es vor allem bei Klima- und Umweltthemen gegeben, diese seien aber nicht dramatisch gewesen und hätten in der FDP Platz gehabt. Ein Teil der Freisinnigen habe sich an Biglers «provokativer Kommunikation» gestört, im persönlichen Umgang habe es jedoch keine Probleme gegeben.
Bigler selbst bezeichnete seinen Parteiwechsel an einer Medienkonferenz als «Resultat einer kontinuierlichen persönlichen Entwicklung». Es seien keine einzelnen Schlüsselereignisse ausschlaggebend gewesen. Bisweilen empfinde er die Politik der FDP aber als «inkohärent». Als Beispiel nannte Bigler, der auch Präsident des atomenergiefreundlichen «Nuklearforums Schweiz» ist, dass die Freisinnigen den Bau neuer Atomkraftwerke zunächst ablehnten und mittlerweile eher wieder befürworteten. Für die FDP war er 2015 in den Nationalrat gewählt worden, musste sich 2019 aber vom neu antretenden, auf der Liste hinter ihm platzierten Andri Silberschmidt überholen lassen und verpasste so die Wiederwahl. Ob er für die SVP nochmals für öffentliche Ämter kandidieren werde, stehe noch nicht fest, sagte Bigler laut NZZ; sollte er von der Partei angefragt werden, stehe er aber zur Verfügung.
Biglers Parteiwechsel erfolgte rund ein Jahr vor seinem per Mitte 2023 angekündigten Rücktritt als SGV-Direktor.

Wenige Monate nach dem Parteiübertritt von Gewerbeverbands-Direktor Hans-Ulrich Bigler von der FDP zur SVP wurde im Januar 2023 bekannt, dass ein weiteres einst FDP-nahes Schwergewicht der Schweizer Verbandslandschaft neu SVP-Mitglied war: Rolf Dörig, Verwaltungsratspräsident der SwissLife, Präsident des Schweizerischen Versicherungsverbands (SVV) und Vorstandsmitglied bei Economiesuisse, wollte mit dem Schritt nach eigenem Bekunden seine «langjährige Grundhaltung formalisier[en]», wie er dem Sonntags-Blick erklärte: Mit seinen «gesellschaftlich wertkonservativen und wirtschaftsliberalen Überzeugungen in Kombination mit meiner Heimatverbundenheit» fühle er sich bei der SVP am richtigen Ort. So liege er etwa in Zuwanderungsfragen – nach Dörigs Einschätzung das grösste Problem der Schweiz – und in der Wokeness-Debatte voll auf SVP-Linie. Doch nicht nur in gesellschaftlichen, sondern auch in wirtschaftlichen Fragen vertrete die SVP seiner Ansicht nach mittlerweile eine klarere und zuverlässigere Linie als die FDP. Letzterer hatte er einst als Gründungsmitglied der Unterstützenden-Vereinigung «Freunde der FDP» nahegestanden. Dass Dörig sich zunehmend mit der SVP statt der FDP identifizierte, hatte sich spätestens 2018 abgezeichnet, als er im Stiftungsrat des SVP-Fördervereins «Stiftung für eine bürgerliche Politik» Einsitz nahm. 2023 sagte Dörig, in der Sache müsse die SVP zu Kompromissen mit der FDP und der Mitte bereit sein, um den bürgerlichen Zielen zum Durchbruch zu verhelfen; in Wahl- und Abstimmungskämpfen dürfe sie mit ihrem Stil aber durchaus auch «an die Grenzen gehen». Für sich selbst strebe er kein politisches Amt an, sagte Dörig dem Sonntags-Blick. Im Übrigen habe sein Parteibeitritt nichts mit dem gleichzeitig bekanntgegebenen Rückzug als SVV-Präsident per Mitte 2023 zu tun.

Anfangs 2023 gab Michael Frauchiger auf Twitter seinen Austritt aus der SVP bekannt. Seinen Wegzug aus der Gemeinde Weiach ZH, wo er die SVP-Lokalsektion präsidiert hatte, nahm er zum Anlass, die Konsequenzen aus «diverse[n] Unstimmigkeiten mit der Gangart der SVP Zürich und der SVP Schweiz und deren Exponenten» zu ziehen. Frauchiger hatte überregionale Bekanntheit erlangt, weil er seine Meinungsunterschiede zur Parteilinie regelmässig veröffentlicht und unverblümte Kritik auch an prominenten Parteikollegen angebracht hatte. Über Kreuz mit anderen SVP-Exponentinnen und -Exponenten war er unter anderem bei der Covid-19-Politik, aber auch bei Auseinandersetzungen um LGBTQ-Rechte gelegen. Frauchiger hatte 2009 die GaySVP mitgegründet und sich etwa im Abstimmungskampf zur Ehe für alle entgegen der SVP-Mehrheitsposition stark für ein Ja eingesetzt. Nach seinem Parteiaustritt werde er keine Anti-SVP-Kampagne führen, zumal er «in der SVP stets anständig behandelt, gefordert und gefördert» worden sei, schrieb Frauchiger auf Twitter.

Im Juli 2023 wurde bekannt, dass der frühere Post-Verwaltungsratspräsident und CVP-Nationalrat Claude Béglé neu der SVP angehört. Béglé, der 2021 die Mitte im Streit verlassen und 2022 erfolglos ein Mitgliedsgesuch bei der FDP gestellt hatte, gab an, sich der SVP aufgrund einer «gemeinsamen Wertebasis» («un important socle de valeurs communes») anzuschliessen. Als weltweit tätigem Unternehmer sei ihm namentlich bewusst, wie wichtig ein Festhalten an der Neutralität für den Wohlstand und das Ansehen der Schweiz sei. Die SVP hatte sich zuletzt regelmässig mit dem Thema Neutralität profiliert, so etwa mit der Neutralitätsinitiative.