Bei den Nationalratswahlen 2023 im Kanton Tessin bewarben sich 256 Kandidatinnen und Kandidaten auf insgesamt 33 Listen auf einen der acht zu vergebenden Mandaten. Damit war das Interesse an den Nationalratssitzen gegenüber früheren Jahren stark angestiegen: So kandidierten 2023 insgesamt 106 Personen mehr als noch 2019, zudem hatte sich die Anzahl Listen gegenüber 2011 verdreifacht. Die Tessiner Stimmbevölkerung stand damit von einer rekordhohen Auswahl – «Il treno che porta a Berna non è mai stato così affollato», schrieb etwa der «Corriere del Ticino». Gleichzeitig halbierte sich der Frauenanteil bei den Kandidaturen gegenüber den Wahlen von 2019 um die Hälfte von 25 Prozent auf 12.5 Prozent – im Vergleich zum Schweizer Durchschnitt (38.5%) ein tiefer Wert.

Ausser Marco Romano (mitte, TI) und Rocco Cattaneo (fdp, TI) traten alle bisherigen Nationalrätinnen und Nationalräte erneut zur Wahl an. Unternehmer Cattaneo, der 2017 nach der Wahl von Ignazio Cassis in den Bundesrat nachgerückt war, überraschte Medienberichten zufolge seine Partei mit seiner Rücktrittsankündigung, zumal er diese erst am Tag vor der Entscheidungsfindung des FDP-Parteiausschusses über die Nominierung der Kandidierenden ankündigte. Marco Romano, der im Jahr 2011 spektakulär durch das Los in die grosse Kammer gelangt war, wollte sich wie Cattaneo ebenfalls mehr Zeit für Familie und Beruf nehmen.

Im Gegensatz zu 2019 verzichteten die Mitte und die FDP im Jahr 2023 auf eine Listenverbindung. Die FDP warf darauf hin der Mitte vor, der Tessiner SVP nahezustehen. Erneut kam es hingegen zu Listenverbindungen an den beiden Polen: Die SVP spannte mit der Lega dei Ticinesi zusammen, die SP mit den Grünen. Hingegen verzichtete die SP auf eine Listenverbindung mit der Kommunistischen Partei, mit der sie zuvor jeweils zusammengespannt hatte, aufgrund derer kritischen Haltung gegenüber dem Ukrainekrieg, wie die Medien berichteten. Die GLP, die zwar bisher im Tessin bei den Nationalratswahlen keinen hohen Wählendenanteil hatte verzeichnen dürfen (2019: 0.99%), jedoch kurz zuvor den Einzug in den grossen Tessiner Kantonsrat geschafft hatte, ging im Tessin keine Listenverbindung ein.

Thematisch bediente der Wahlkampf die Migration, Krankenkassenprämien und Lebenshaltungskosten, aber auch Tessin-spezifischere Debatten wie Grenzgängerinnen und Grenzgänger, die Einführung einer Maut am Gotthardstrassentunnel oder die Abwanderung junger ausgebildeter und erwerbsfähiger Personen in andere Kantone. Aufgrund der vielen Listen und Unterlistenverbindungen blieb der Ausgang der Wahlen gemäss Medien äusserst spannend. Ein Stimmungstest waren aber sicherlich die kantonalen Wahlen im April 2023, aus denen die SVP als Gewinnerin hervorgegangen war.

Am Wahlsonntag wurde die Mitte wohl dafür bestraft, keine Listenverbindung eingegangen zu sein. Obwohl sie ihren Wählendenanteil mit -0.5 Prozentpunkten beinahe konstant halten konnte (neu: 17.7%) und zweitstärkste Kraft im Tessin blieb, verlor sie ihren zweiten bisherigen Sitz des zurückgetretenen Marco Romano an die SVP, die neu zwei Sitze für sich beanspruchen durfte. Die SVP konnte ihre Wählendenanteile gegenüber 2019 deutlich ausbauen (15.1%, +3.5 Prozentpunkte), überholte damit die Grünen (9.1%, minus 3 Prozentpunkte), die SP (12.5%, minus 1.6 Prozentpunkte) und die Lega (13.5%, minus 3.4 Prozentpunkte) und wurde drittstärkste Kraft im Kanton. Die Lega, die gemäss Medien gewissermassen in einer Sinneskrise stecke, konnte ihren seit 2015 anhaltenden Abwärtstrend nicht stoppen – damals hatte sie noch einen Wähleranteil von 21.7 Prozent erreicht. Stärkste Kraft blieb im Südkanton die FDP mit 21.1 Prozent Wähleranteil (plus 0.6 Prozentpunkte). Die Freisinnigen konnten damit im Gegensatz zur Lega ihren seit den eidgenössischen Wahlen 2003 anhaltenden Abwärtstrend stoppen. An Stärke zulegen konnten auch die kleineren Parteien und Bewegungen: Während diese bei den Wahlen 2019 zusammen 3.6 Prozent Wählendenanteile erreicht hatten, erhielten sie 2023 die Gunst von 9.5 Prozent aller Wählerinnen und Wähler im Kanton Tessin. Gemäss Medien dürfte dieser Anstieg vor allem dem Bündnis «Avanti con Ticino & Lavoro» geschuldet sein – deren Kopf Amalia Mirante (avanti, TI) erzielte auch bei den Tessiner Ständeratswahlen einen Achtungserfolg. Im Gegensatz dazu erreichte die GLP, die in der Deutschschweiz viel stärker in der Politik verankert ist als im Tessin, lediglich 1.5 Prozent Wählendenanteile (plus 0.5%). Somit wiesen neu FDP und SVP je zwei Sitze, Mitte, SP, Grüne und Lega je einen Sitz auf.

Sämtliche Bisherige wurden dabei wiedergewählt: Alex Farinelli (fdp, TI) für die FDP, Piero Marchesi (svp, TI) für die SVP, Fabio Regazzi (mitte, TI) für die Mitte, Lorenzo Quadri (lega, TI) für die Lega, Bruno Storni (sp, TI) für die SP und Greta Gysin (gp, TI) für die Grünen. Neu gewählt wurden Simone Gianini (fdp, TI) für die FDP und Paolo Pamini (area liberale, TI) aus der liberal-konservativen Tessiner Bewegung Area Liberale, der neu für die SVP nach Bern reiste. Im November 2023 gab es zudem eine weitere Änderung in der Tessiner Nationalratszusammensetzung: Nachdem Fabio Regazzi im zweiten Wahlgang in den Ständerat gewählt worden war, rückte Giorgio Fonio (mitte, TI) in den Nationalrat nach. Fonio hatte das drittbeste Resultat aller Tessiner Nationalratskandidierenden 2023 erzielt.
Die Wahlbeteiligung fiel mit 48 Prozent zwar tiefer aus als noch 2019 (49.6%), lag aber dennoch leicht über dem Schweizer Durchschnitt von 46.7 Prozent.