Nach fast einem halben Jahrhundert der Trennung kam es im Mai 2024 zur Wiedervereinigung der sozialdemokratischen Kräfte im Berner Jura. Der Parti Socialiste du Jura Bernois (PSJB), Ensemble Socialiste (ES) und die Plateforme.Socialiste de Tavannes gingen auf Beschluss ihrer Mitglieder in der neu gegründeten Bezirkspartei Parti Socialiste du Grand Chasseral (PSGC) auf. Der PSGC vereinigte nach der Fusion gemäss Medienberichten rund 250 Mitglieder. Das Co-Präsidium teilten sich mit Théo Brand und Maurane Riesen wie von den Statuten vorgeschrieben ein Vertreter des ehemaligen PSJB und eine Politikerin mit ES-Vergangenheit. Wenige Tage nach der Fusion trat der PSGC als Bezirkspartei der SP des Kantons Bern bei. Sowohl parteiintern als auch in den regionalen Medien wurde diese Entwicklung als «historisch» bezeichnet.
Zur Spaltung der regionalen Sozialdemokratie war es im Zuge des Jurakonflikts gekommen. Während sich der PSJB für einen Verbleib der Amtsbezirke Courtelary, Moutier und La Neuveville (nach berntreuer Terminologie der «Berner Jura») beim Kanton Bern einsetzte, spaltete sich 1976 der Parti socialiste autonome du Sud du Jura (PSA-SJ oder kurz PSA) ab, um für einen Zusammenschluss des Gebiets (in seiner Terminologie «Südjura») mit dem Kanton Jura zu kämpfen. Weil der PSA bei seiner Gründung die kantonalbernische SP verliess, gehörte er zunächst auch nicht mehr zur SP Schweiz. 1997 fand er unter deren Dach zurück, als er einen Status als vierte Bezirkspartei («fédération») bei der SP des Kantons Jura erhielt. Für einen Anschluss an die bernischen Parteistrukturen war die Zeit noch länger nicht reif, 2007 scheiterte ein Anlauf für eine Fusion von PSA und PSJB an der anhaltenden Virulenz der Jurafrage.
Anderthalb Jahrzehnte später, als sich eine Klärung der umstrittenen Kantonszugehörigkeit Moutiers mittels einer kommunalen Volksabstimmung abzeichnete, kam neue Bewegung in die Situation. Zunächst wurde anfangs 2021 auf lokaler Ebene in Tavannes die dort dominierende PSA-Sektion aufgelöst und durch die neu gegründete Plateforme.Socialiste de Tavannes ersetzt, welche weder dem PSA noch dem PSJB angehörte. Erklärtes Hauptziel der Plateforme war es gemäss einem RJB-Bericht, eine Rolle als Bindeglied zwischen PSA und PSJB zu spielen und als Versuchsballon für eine Vereinigung der regionalen Linken zu dienen; ihre Gründung geschah demnach in Absprache mit dem PSA.
Im März 2021 folgte der Entscheid einer Volksmehrheit in Moutier, vom Kanton Bern zum Kanton Jura zu wechseln, womit die grösste verbliebene Streitfrage im Jurakonflikt im Sinne des PSA geklärt war. Der PSA behielt daraufhin seine Strukturen einzig in Moutier bei, um die Umsetzung des Kantonswechsels zu begleiten; im Rest des Berner Juras initiierte der PSA demgegenüber seine eigene Ablösung durch die Nachfolgeformation Ensemble Socialiste (ES), die 2021 zunächst als Bewegung aus bisherigen PSA-Mitgliedern auf den Plan trat und sich im Juni 2022 als Partei konstituierte. ES sagte sich vom Ziel weiterer Grenzverschiebungen zugunsten des Kantons Jura los und beschränkte sich auf Forderungen zur Stärkung der Position und der «kulturellen Sonderstellung» des Berner Juras im Kanton Bern sowie der überkantonalen Zusammenarbeit; man wolle eine «Aussöhnung der progressiven Kräfte zur Förderung der regionalen Entwicklung» und «eine echte linke Politik, die über die Jurafrage hinausgeht», verfolgen, liess ES in den Medien und auf ihrer Website verlauten. Für die Berner Grossratswahlen vom März 2022 kam dann eine Listenverbindung zwischen PSJB und ES (sowie der einzigen fortbestehenden PSA-Sektion in Moutier) zustande, eine Premiere seit der Abspaltung des PSA.
Gut zwei Jahre später fand die Annäherung zwischen bern- und jurafreundlichen Sozialdemokratinnen und -demokraten mit der Parteifusion ihren formellen Abschluss. Bis auch die Parteibasis der beiden jahrzehntelang unversöhnlichen Lager wirklich zusammengewachsen sei, werde es aber noch eine Weile dauern, befanden der Quotidien Jurassien und von diesem zitierte Parteiexponentinnen und -exponenten.